Die zweitklassige Partie

oder: Taktische Fallen im Endspiel

In der letzten Runde der Mannschaftsmeisterschaft der Oberliga Nordwest zwischen Uelzen I und dem SC Melle kam es an Brett 5 zur Paarung: Peter Raabe (UEL) – Efim Dan (MEL). Die Ausgangssituation vor dem Wettkampf war klar, nur mit einem Sieg konnten wir den ersten Platz und damit den Aufstieg in die 2. Bundesliga sicherstellen. Im Hinblick auf die anderen noch laufenden Partien kam ich so um den 50. Zug zu der Erkenntnis, dass ich meine ausgeglichene bis leicht bessere Stellung mit Risiko auf Gewinn weiterspielen musste. Tatsächlich entstand nach 56 Zügen folgende Stellung:

Ich hatte meine vorteilhafte Stellung völlig überzogen. Vermutlich steht Schwarz positionell hier bereits auf Gewinn. Der weiße Freibauer auf c5 ist blockiert, die Schwächen auf h2 und b4 sind auf Dauer sicherlich nicht zu halten. An dieser Stelle überlegte ich bereits an taktischen Gegenchancen, und zog 57. Lc2. Der Zug beinhaltet eine kleine Falle.

Raabe – Dan (nach 56. ... Le3)

Schwarz antwortete mit 57. ... Lg1(?) (besser wäre Le4 gewesen) und tappte voll hinein. 58. Lxe5(!). Schwarz darf nicht auf e5 wiederschlagen, da nach Sf4+ nebst Sxd5 die Stellung mindestens remis sein dürfte (Schwäche auf f5 und evtl. die Gegendrohung Sc7 nebst Sxa6). 58. ... Le4 59. Ld6 Lxd3 60. Lxd3 Lxh2 61. Lf4 Lg1 62. Lf1 Ld4+ 63. Kd3 Lf6 64. Ld2 Le5 65. Lg2 Sd4 66. Le1 Sxb3 67. Lb7 a5(?) Auf die Weise behält Schwarz zwar sein Bauernplus, aber jetzt entsteht auf der a-Linie ein gefährlicher Freibauer, der für Gegenchancen sorgt. 68. Lc8+ auch gleich bxa5 wäre wohl gegangen, da Schwarz nach Sxc5+ nicht auf b7 nehmen darf wegen a6! Aber das Zwischenschach erschien mir auch aufgrund meiner Zeitknappheit als sicherer. 68. ... Kf6 69. bxa5 Sxc5+ 70. Kc2 Se4 71. a6 Ld4 72. Ld7 f4(?)

Vermutlich war es bereits schwierig für Schwarz, geeignete Züge zu finden. Zu gewinnen war die Stellung für ihn jedenfalls nicht mehr. Der letzte Zug war jedoch ein Fehler. An dieser Stelle überlegte ich noch einmal 2 Minuten und kam zu der Erkenntnis, dass ich nunmehr auf Gewinn stand. Beim Zwischenstand von 3,5 – 2,5 für Uelzen im Mannschaftskampf eine nicht ganz unwichtige Erkenntnis!

(nach 72. ... f4)

Es ging weiter mit 73. Kd3 Ke5 (auch andere Züge verlieren, z. B. 73. ... fxg3 74. Lxg3 Sc5+ (Sxg3 Kxd4 +-) 75. Kxd4 Sxd7 76. a7 Sb6 77. Kc5 Sa8 78. Kxb5 und auf Kc6 nebst Kb7 gibt es nichts mehr) 74. gxf4+ Kd5 75. Le6+ Kc6 (Kxe6 Kxd4 ist natürlich auch hoffnungslos!) 76. Kxd4 Sf6 77. Ke5 Se8 78. a7 Kb7 79. Lf2 Sc7 80. Lxg4 aufgegeben 1-0

Damit war der Mannschaftssieg, der Meistertitel in der Oberliga und somit der Aufstieg in die 2. Bundesliga sichergestellt. Entsprechend groß war der Jubel! Die Partie war also im wahrsten Sinne des Wortes "zweitklassig".

Peter Raabe