75 Jahre Schach in Uelzen

Unser Schachverein, die Schachabteilung von 1924 im Postsportverein Uelzen e. V., wie der offizielle Name lautet, besteht jetzt 75 Jahre - eine gute Gelegenheit, einmal zurückzuschauen. Die Schachabteilung geht auf mehrere Wurzeln zurück.

Als ältester Schachverein der Stadt Uelzen wurde der "Schachverein Uelzen von 1924" von zwölf Schachenthusiasten am 24. Januar 1924 gegründet. Freilich gab es noch keinen organisierten Spielbetrieb mit Mannschaftspunktkämpfen und Einzelmeisterschaften wie heute. Nur das Vereinsmeisterturnier wurde in den ersten Jahren regelmäßig ausgetragen und meistens von Theodor Löhmann gewonnen. Dieser Spieler ist vielen von uns noch gut in Erinnerung: Bis unmittelbar vor seinem Tod 1989 nahm er noch regelmäßig an den Spielabenden und den Turnieren um die Vereins- und Stadtmeisterschaft teil und schlug eine scharfe Klinge.

Der junge Verein trug mehr oder weniger regelmäßig Wettkämpfe gegen benachbarte Vereine aus. So wurden die ersten Spiele gegen den SV Soltau mit 4:3 und gegen den Rivalen aus Lüneburg mit 5,5:2,5 gewonnen. In der Folgezeit mußte Uelzen jedoch meistens die Überlegenheit der starken Lüneburger Mannschaft anerkennen.

Der Anfangselan klang bald ab, und von 1929 bis 1934 wurden keine Turniere und Wettkämpfe mehr ausgetragen. Erst dann gelang es den Schachfreunden Daasch und Söhngen, das Interesse am königlichen Spiel wiederzubeleben und in kurzer Zeit 17 neue Mitglieder zu werben. Im Zuge der "Gleichschaltung" aller Vereine im Dritten Reich nannte man sich jetzt "Schachgruppe Uelzen, Gau Lüneburg, Landesverband Nordmark im Großdeutschen Schachbund". Uelzener Spieler nahmen mit Erfolg an den Turnieren des Verbandes teil. Löhmann erkämpfte sich gegen die starke Konkurrenz aus Lüneburg 1936 und 1939 den Titel eines Gaumeisters.

Im Kriege trat das Schachspiel naturgemäß in den Hintergrund. Die meisten Mitglieder wurden eingezogen. Trotzdem wurde der Spielbetrieb so gut es ging aufrechterhalten. Bis 1942 wurde sogar ein Vereinsmeisterturnier ausgetragen; Sieger dieses letzten Turniers wurde Michael Jäger, der 1935 als Schachtmeister im Tiefbau nach Uelzen verzogen war.

Michael Jäger war es auch, der nach dem Zusammenbruch bereits im August 1945 die verbliebenen Schachfreunde zusammenrief und in der Gaststätte Buntrock mit dem Wiederaufbau des Vereins begann. Der Beginn war schwierig: Verhöre bei der Militärregierung, Verhandlungen mit den Behörden, Lokalsorgen im vom Krieg zerstörten Uelzen. Erst nachdem er den britischen Stadtkommandanten in einer Partie besiegt hatte, bekam Jäger die Erlaubnis zur Wiederbegründung des Schachvereins. Er wurde zum Vorsitzenden gewählt und konnte gleich am ersten Vereinsabend 30 neue Mitglieder, darunter 7 Jugendliche, begrüßen. In dieser Zeit der materiellen Not und der Sorge um den täglichen Lebensunterhalt erreichte der Verein mit über hundert seine höchste Mitgliederzahl; einen großen Anteil machten die zahlreichen Flüchtlinge aus dem Osten aus.

Im Jahre 1946 wurde erstmals eine Jugendgruppe im Verein gegründet. Wesentlichen Anteil daran hatten die Brüder Alfred und Helmut Westphal. Helmut errang den Titel des Vereinsjugendmeisters. Der Verein trug Wettkämpfe gegen Nachbarvereine aus und veranstaltete eine Schachwoche, in deren Verlauf Großmeister Sämisch eine Blindsimultan-Vorstellung gab und Meister Schönmann simultan spielte. Im April spielte GM Bogoljubow an 47 Brettern simultan; er gewann 35 Partien und spielte neunmal remis.

Michael Jäger warb unermüdlich für die Förderung des Schachspiels. Er fuhr mit dem Fahrrad über die Dörfer und half bei der Gründung von neuen Vereinen. Er rief die "Interessengemeinschaft Schach der Lüneburger Heide" ins Leben, der 14 Vereine angehörten. Aus ihr ging der "Schachverband Lüneburger Heide" hervor, der sich später als Bezirk IV dem Niedersächsischen Schachverband anschloß. Nicht zu Unrecht wurde Michael Jäger oft als "Vater des Bezirks IV" bezeichnet. 1947 fand der erste Verbandstag in Uelzen statt; Uelzen wurde Mannschaftsblitzmeister.

Nach der Währungsreform 1948 ging der Mitgliederbestand des Vereins rapide zurück. Die Menschen waren mit dem Aufbau ihrer beruflichen Existenz im Rahmen des Wirtschaftswunders vollauf ausgelastet. Trotzdem fanden sich noch immer ca. 40 Schachfreunde zu den Spielabenden ein.

1949 wurde erneut der Verbandskongreß in Uelzen durchgeführt. In den fünfziger Jahren ging der Stern von Karl-Heinz Gohlke auf, der schon als Jugendlicher auf sich aufmerksam machte und viele Jahre der Uelzener Vorkämpfer wurde. Die Vereinsmannschaft errang Jahr für Jahr die Kreismeisterschaft, scheiterte aber jedesmal in den Aufstiegskämpfen an den stärkeren Vereinen aus Lüneburg und Celle.

1957 wurde eine Bezirksklasse mit den sieben stärksten Mannschaften gebildet. Hier setzte sich Uelzen 1959 erstmals an die Spitze und stieg in die Verbandsliga auf. Aber erst seit 1963 war die Mannschaft stark genug, in dieser Spielklasse endgültig Fuß zu fassen und sogar in die Niedersächsische Landesklasse aufzusteigen. Mehrere Ausflüge in die höchste damalige Spielklasse auf Landesebene, die Landesmeisterklasse, wurden jedoch durch die führenden Vereine aus Hannover, Braunschweig und Göttingen jeweils rasch beendet.

Seit 1956 gab es in Uelzen zwei Schachvereine: Mit der Wiederbegründung des Postsportvereins Uelzen hatte sich auch eine Schachgruppe etabliert, die anfangs von Hermann Brunken, dann viele Jahre von Siegfried Kroll und zuletzt von Hartwig Künstler geführt wurde. Die Mannschaft spielte in der Kreis- oder Bezirksklasse. Ihre stärksten Spieler waren die Brüder Westphal, Michael Jäger und Friedrich Stolzenburg.

Trotz aller Konkurrenz war die freundschaftliche Zusammenarbeit beider Schachvereine von Anfang an gut. So organisierten sie 1968 den Osterkongreß des Niedersächsischen Schachverbandes im Hotel "Stadt Hamburg".

Schließlich kam 1965 noch die Schachabteilung der Deutschen Bundesbahn unter der Leitung von Karl-Heinz Alswede hinzu. Diese Gruppierung gehörte nicht dem Niedersächsischen Schachverband an, sondern der Betriebsgruppe der Deutschen Bundesbahn. Die Mannschaft konnte 1969 die Meisterschaft der Verbandsgruppe vor Braunschweig, Bremen und Minden erringen.

Alle drei Vereine veranstalteten seit 1968 gemeinsam das jährliche Turnier um die Stadtmeisterschaft von Uelzen, das in den Monaten August und September ausgetragen wurde. Im SV Uelzen riefen Gerhard Schwanke und Dr. Claus Wedekind eine Jugendgruppe ins Leben, aus der mehrere starke Spieler hervorgingen, allen voran Dietrich Meyer.

Der SV Uelzen organisierte 1968 in Uelzen die Bezirkseinzelmeisterschaft. Im folgenden Jahr konnte er auf Initiative seines Mitgliedes Christian Knigge den damaligen "Weltmeister der westlichen Hemisphäre", Bent Larssen, für eine Simultanvorstellung an 37 Brettern gewinnen (29:4:4).

Die 700-Jahr-Feier der Stadt Uelzen im Jahre 1970 war für die Vereine der Anlaß zu mehreren Großveranstaltungen. Zu einem offenen Mannschaftsblitzturnier kamen 24 Vereine mit 38 Mannschaften und fast 200 Einzelspielern. Sie brachten das Organisationskomitee unter Leitung von Hans-Joachim Heitmann an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit; alles mußte "von Hand" gemacht werden, Computer gab es ja noch nicht. Höhepunkt dieses Jahres war die Ausrichtung der Deutschen Jugendmeisterschaft in der damaligen Bezirkssportschule unter der Turnierleitung von H.-J. Heitmann. Deutscher Jugendmeister wurde Constanz Kiffmeyer aus Hamburg. Heitmann richtete im Rahmen der Teleschach-Olympiade des Bundes Deutscher Fernschachfreunde vom Fernmeldeamt Uelzen aus zwei Fernschreiber- Länderkämpfe gegen Finnland und die Niederlande aus. 1971 wurde Karl-Heinz Gohlke Sieger bei der Bezirkseinzelmeisterschaft in Uelzen.

1972 schloß sich der SV Uelzen dem Post-SV Uelzen an zur "Schachabteilung von 1924 im Post-SV Uelzen", da beide Teilvereine durch Überalterung und Mitgliederschwund kaum noch eine Mannschaft zusammenbekamen. Die Leitung der Abteilung hatte Gerhard Schwanke. 1982 wurde eine junge Führungsmannschaft an die Spitze der Abteilung gewählt. Bernd Schernetzki wurde Abteilungsleiter und Führer der 1. Mannschaft, Günter Ebel Turnierleiter und Hartwig Heitmann Führer der 2. Mannschaft. Als sich später die Eisenbahn-Schachgruppe auflöste, stießen mehrere ihrer Spieler zum Verein. Die Mitgliederzahl stieg wieder an, und der Spielbetrieb wurde gestrafft. Die jährlichen Turniere um die Stadtmeisterschaft von Uelzen wurden wiederaufgenommen und erfreuten sich weit über die Grenzen des Vereins und der Stadt hinaus wachsender Beliebtheit. Auf Anhieb traten über 50 Spieler zum Kampf um den vom Bürgermeister gestifteten Pokal an. Der 1. Mannschaft, die zeitweise in die Bezirksoberliga abgestiegen war, gelang der Aufstieg in die Verbandsliga Nord. Die 2. Mannschaft spielte in der Bezirksliga, und bald wurde eine 3. Mannschaft aufgestellt, die sich schnell für die Kreisliga qualifizierte. 1988 wurde der Verein Bezirks-Mannschaftspokalsieger und gewann auch die Mannschaftsblitzmeisterschaft des Bezirks.

Großen Anteil an diesem Aufschwung hatten die jungen Spieler, die aus der Schulschach-AG von Karl-Heinz Gohlke und später auch von anderen Lehrern an fast allen Uelzener Schulen hervorgingen - genannt seien die Spitzenspieler Guido Weißert, Dieter Schulz, Stephan Kobs, Joachim List, Ingo Schulze, Jörg Cohrs und Bernd Laubsch. Laubsch konnte 1990 den Dähnepokal auf Landesebene gewinnen. Anfangs Uwe Meyer, später Ingo Schulze, Joachim List und Bernd Laubsch bauten eine Jugendgruppe innerhalb der Schachabteilung auf, die etwa zwanzig Kinder und Jugendliche umfaßte. Bald spielten die Jugendlichen ein eigenes Turnier um die Stadtmeisterschaft.

Die Schachabteilung beteiligte sich mit zahlreichen Aktivitäten am öffentlichen Leben der Stadt Uelzen. So spielten Mitglieder des Vereins simultan bei Stadtfesten, dem Tag der Niedersachsen 1988 und einem Sommerfest des Post- und Fernmeldeamtes. Eine Schachwoche des Deutschen Schachbundes 1986 wurde mit einem Kreiswettkampf gegen Lüchow-Dannenberg, einer Computerdemonstration, Simultanspielen im Freibad und in der Fußgängerzone und einem Problemlösungsturnier gestaltet.

Gleich nach der Wiedervereinigung hatte der Schachverein aus Salwedel, damals noch die "Sektion Schach der Betriebssportgruppe Lokomotive Salzwedel", die Schachabteilung des PSV Uelzen zu ihrem jährlichen Blitzturnier nach Wallstave eingeladen. Vor Ostern 1990 kam es zu einer Gegeneinladung ins PSV-Heim, wo ein Vergleichskampf zwischen den Kreisen Uelzen und Salzwedel an 21 Brettern (13:8 für Kreis Uelzen) mit einem anschließenden gemeinsamen Essen und gemütlichen Beisammensein ausklang.

Seit 1990 hat die Schachabteilung eine eigene Vereinszeitung, den "Schachkiebitz", redigiert von Hartwig Heitmann. In nicht zu bierernster Form begleitet sie das Vereinsleben, berichtet über Mannschafts- und Einzelwettkämpfe der Mitglieder und versucht, den Partiespielern auch die Schönheiten des Problemschachs näherzubringen.

Anlaß zu einer Präsentation in der Öffentlichkeit bot sich der Schachabteilung im Jahr des 70-jährigen Bestehens 1994. In einer Schachwoche spielte Bernd Schenetzki im Vereinsheim simultan gegen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Jugendabteilung veranstaltete einen Tag der offenen Tür, es gab eine Computerdemonstration und einen Problemlösungswettbewerb, und als Krönung spielte GM Vlastimil Hort simultan an 40 Brettern (23:14:3).

Durch das Vereinsmitglied Dr. Claus Wedekind wird regelmäßig in der Lokalzeitung über das Schachleben im Verein und im Kreise Uelzen berichtet. Wedekind, Mitglied der "Schwalbe, deutsche Vereinigung für Problemschach", bemüht sich auch um Werbung für das Problemschach. So veranstaltete er 1993 einen "Problemtreff" in der Stadthalle Uelzen. 1995 hielt die "Schwalbe" ihr Jahrestreffen im PSV-Heim ab; dazu gab der "Kiebitz" ein Sonderheft heraus, das großen Beifall bei den deutschen Problemisten fand und bis ins Ausland angefordert wurde.

In den letzten Jahren kam es zu einem Zustrom von neuen Spielern, zum Teil von beachtlicher Spielstärke, so daß die Mitgliederzahl auf über 70 anstieg. Um allen Interessierten Spielgelegenheit zu bieten, wurden zuletzt fünf Mannschaften im Erwachsenen- und zwei im Jugendbereich gemeldet. Die 1. Mannschaft spielt in der Verbandsliga Nord und verpaßte nur knapp den Aufstieg in die Landesliga. Die 2. Mannschaft stieg in die Bezirksoberliga auf, die 3. in die Bezirksliga und die 4. in die Kreisliga. Die neu aufgestellte 5. Mannschaft spielt in der Kreisklasse. Der 1. Jugendmannschaft gelang im letzten Spieljahr der Aufstieg in die Jugendliga Niedersachsen.

Auch auf Einzelerfolge ihrer Mitglieder aus der letzten Zeit kann die Schachabteilung des Post-SV Uelzen stolz sein. Johanna Hess errang bei den Landeseinzelmeisterschaften den 2. Platz der weiblichen D-Jugend und qualifizierte sich für die deutsche Meisterschaft. Sergej Bogomolow siegte auf Bezirksebene bei der A-Jugend und kam auf Landesebene auf den 6. Platz. Karl-Heinz Gohlke erreichte bei der 1. Offenen Seniorenmeisterschaft des Niedersächsischen Schachverbandes den 6. Platz, nur einen Punkt hinter dem Turniersieger. Auch bei den letzten Bezirksmeisterschaften in Verden schnitten Uelzener Spieler gut ab: Joachim List gewann das Meister-, Sergej Bogomolow das Vormeister- und Carsten Grabow das Hauptturnier.

Auch das gesellige Leben kommt bei der Schachabteilung nicht zu kurz. Zwar werden nicht mehr wie in den Anfangsjahren des Vereins Tanzvergnügungen und Familienausflüge veranstaltet. Aber in jedem Sommer treffen sich die Mitglieder am Grillabend zu Essen, Trinken, Problemdemonstrationen, lustigen Blitzturnieren, Skat und Doppelkopf. Die Jugendabteilung findet sich zu einer Weihnachtsfeier zusammen und macht einen Ausflug in den Heidepark.

Alle diese schachlichen und sonstigen Aktivitäten haben zu vielen Freundschaften unter den Mitgliedern geführt und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. So kann der Verein frohen Mutes in sein nächstes Vierteljahrhundert starten.